Siedlungsbäume für mehr Artenvielfalt

 

Freitag, 05.11.2021 von 9:00 bis 12:00 im Vorarlberg Museum, Bregenz

Das Österreichische Ökologie-Institut feiert 2021 sein 30-jähriges Bestehen in Vorarlberg und bietet im Rahmen dessen zwei Veranstaltung zu siedlungsökologischen Themen an. Etwa 50 Fachpersonen und interessierte Bürger*innen fanden sich am 05.11.2021 im Vorarlberg Museum zusammen, um über die Förderung der Artenvielfalt mithilfe von Bäumen im Siedlungsraum zu reden. Katrin Löning, Geschäftsführerin des Standorts Bregenz, führte die Teilnehmer*innen durch den Vormittag mit zwei Fachvorträgen und einer Diskussionsrunde. Mitorganisatoren waren die Stadt Bregenz und die KLAR-Modellregion Plan-b.

Urbane Artenvielfalt auf Stadtbäumen

Dr. Susanne Böll, Biologin, LWG Bayern

„Zeigen nicht-heimische Stadtbaumarten eine vergleichbare Artenvielfalt wie heimische Arten?"

In Nordbayern liegt die Temperaturerhöhung der letzten Jahren bedeutend über dem globalen Schnitt, auch die Abnahme der Niederschläge ist dramatisch, teilweise auf weniger als 300 mm pro Jahr.

Untersucht hat Dr. Susanne Böll die klimatischen und ökologischen Unterschiede zwischen heimischen und nicht-heimischen (südosteuropäischen) Baumarten im Straßenraum. Insgesamt 30 Versuchsbaumarten gibt es aktuell in Würzburg, Kempten und Hof/Münchberg. Diese sind zum Großteil seit 2015 im Test.

Eine ihrer Studien aus dem Jahr 2014 zeigt, dass auf den heimischen Arten mehr Individuen angetroffen wurden (mehr Biomasse), wobei das nicht bei allen Tiergruppen der Fall ist. Auf den verschiedenen Arten leben andere Tier-Gesellschaften und die Rollen sind verteilt. Bis zu 57 Wildbienen-Arten konnten nachgewiesen werden, was 10% der in Deutschland präsenten Arten ausmacht. Diese sind jedoch ausnahmslos auf einen naturnah gestalteten Blühstreifen am Fuße der Bäume angewiesen. Grundsätzlich ist laut der Biologin das sinnvollste, Mischpflanzungen von heimischen und südosteuropäischen Arten zu setzen, diese ergeben die höchste Artenvielfalt und sind gegenüber dem Klimawandel resilienter.

Biodiversitätsindex 2021 für Stadtbäume im Klimawandel

Dr. Sandra Gloor, Wildtierökologin, SWILD Zürich

„Welche Baumart bietet bei optimalen Bedingungen den besten Lebensraum für Tiere, Moose, Pilze und Flechten?“

Ein Großteil der mitteleuropäischen Bevölkerung lebt derzeit in Städten, im urbanen Raum wird sich in Zukunft vieles entscheiden. Die Stadtnatur erfüllt wichtige soziale Funktionen (Gesundheit und Lebensqualität) für Bewohner von Siedlungsräumen. Einen großen Beitrag leisten hier Bäume, vor allem großkronige und alte Exemplare. Auch für die Biodiversität ist entscheidend, wie alt die Bäume sind, welcher Art sie angehören und wie die Standortbedingungen (Wurzelraum, Umgebungsgestaltung) sind.

Der 2014 von Dr. Sandra Gloor und ihren Kollegen entwickelte Biodiversitätsindex, bei dem Bäume auf ihren Wert für 5 Tiergruppen bewertet wurden, wurde 2021 auf 7 Organismengruppen (mit Flechten und Moosen) erweitert und wird Ende 2021 veröffentlicht. In seiner neuen Fassung wird zusätzlich zu den Straßenbäumen auch der Wert der Arten als Park/Gartenbaum bewertet, da letztere mehr Wachstumspotenzial durch bessere Bodenverhältnisse haben.

Mehrmals unterstreicht Dr. Sandra Gloor ihre sechs Grundsatzempfehlungen:

  1. Alte Bäume erhalten, Ersatzpflanzungen planen
  2. Einheimische oder nicht-einheimische Arten mit hohem ökologischen Wert pflanzen
  3. Keine invasive Neophyten auf privaten Arealen und in Grünanlagen pflanzen
  4. Wildformen verwenden
  5. Baumartenvielfalt gezielt fördern
  6. Baumumgebung naturnah planen und pflegen

Anschließende Diskussion

Gerold Ender, Leiter der Dienststelle für Klimaschutz, Umwelt und Energie und Koordinator des KLAR! plan b Projekts in Bregenz:

  • Plan-B Region setzen innerhalb zweier Jahre über 800 Bäume im Siedlungsraum und Straßenrand.
  • Die Plan-B Region setzt sich für mehr Lebenszeit für Bäume ein
  • Dafür wird Fachwissen zwischen den Gemeinden ausgetauscht und Weiterbildungen für die Bauhofmitarbeiter angeboten

Jürgen Kiesenebner, Leiter der Stadtgärtnerei Bregenz

  • Bäume müssen sich gleich zu Beginn an die Standortbedingungen gewöhnen können und sollten daher nicht zusätzlich gegossen werden.
  • Im verbauten Raum sollten Dachwasser für die Bewässerung mit genutzt werden.
  • Das künstlich hergestellte Baumquartier sollte genügend durchwurzelbaren Raum aufweisen (siehe Schwammstadtprinzip).

Christoph Ölz, Baumfreund und Baumpfleger

  • Es gibt einige Gemeinden in Vorarlberg, die schon seit Jahren Vielfalt pflanzen, so wie heute vorgestellt. Gleichzeitig gibt es aber auch viele Tiefbauer und Planer, denen die Bäume egal sind.
  • Eine der größten Herausforderung in Siedlungen ist der fehlende Boden. Er würde sich wünschen, dass die nächste Veranstaltung draußen bei den Bäumen stattfindet und wir gemeinsam den Wurzeln nachspüren.
  • Wo sind die Leute, die sich in Zukunft um die Bäume kümmern? Wir brauchen mehr Menschen, die sich aktiv an den Bäumen arbeiten.
  • Es muss ein Baumschutzverordnung zum Schutz von wertvollem Baumbestand im privaten und öffentlichen Raum geben.

Erfahrungen und Fragen aus dem Publikum

Wieso planen die Landschaftsarchitekten und Architekten nicht mit Bäumen?

Architekten verstehen Bäume als Hindernis und wissen diese kaum gestalterisch einzuplanen.

Landschaftsarchitekten bekommen bei einer Ausschreibung selten Angaben über Bestandsbäume. Meist werden sie nur als Punkt und nicht in ihren wirklichen Ausmaßen angegeben.

 

Wie erreichen wir die Privathaushalte?

Hier gibt es großes Potential. Aber leider ist das Interesse nicht sehr groß, viele Bäume verschwinden. Es gibt Gemeinden in Deutschland, die Verordnungen für Baumsetzungen im Privatgarten (Ein Obstbaum in jedem Garten) haben.  Eine Baumschutzverordnung könnte Privatleute dazu bringen, ihre Bäume frühzeitig (vor In-Kraft-Treten der Verordnung) zu fällen.

 

Woher kommen die Bäume her?

Wenn ein Baum von der Baumschule kommt, hat er schon eine Reise hinter sich: von Deutschland nach Italien und Holland und zurück. Sie bilden auch nicht mehr die arttypischen Wurzelsysteme (Herzwurzeln, Pfahlwurzeln, Flachwurzeln, Tiefwurzeln) aus. Baumschulen haben keine Zeit, die Bäume langsam wachsen zu lassen, gießen und düngen sie daher großzügig. Keiner zahlt ihnen die Kosten für einen qualitativ hochwertigen Anwuchs. Hier könnten Gemeinden in den Ausschreibung mehr Qualität einfordern.  Auch wäre es gut regionale Baumschulen wieder vermehrt einzubringen.

 

 

Weitere Informationen

Amt der Vorarlberger Landesregierung Abteilung Umwelt- und Klimaschutz (AVL)
Christiane Machold
+43 5574 511 24517

 

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